Finanzielle Attraktivität Zeitgenössischer Kunst

Die fantastische Finanztransaktion durch den Verkauf des Werkes Untitled (1982) von Jean-Michel Basquiat am 18. Mai 2017 illustriert das enorme Finanzpotenzial Zeitgenössischer Kunst. Das am 8. Mai 1984 für 20.900 $ erworbene Gemälde wurde 33 Jahre später für 110,5 Mio. $ (inkl. Aufgeld) versteigert. In finanzieller Hinsicht stellt diese Investition eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von +29,6 % im Laufe eines Drittels eines Jahrhunderts dar – der Zeitraum, in dem der S&P 500 lediglich eine Wachstumsrate von +6,5 % aufweist.

Diese Entwicklung ist natürlich nicht völlig linear verlaufen. Innerhalb der letzten 17 Jahre hat der Preisindex von Jean-Michel Basquiat (berechnet auf der Grundlage aller Auktionsergebnisse, d. h. über 1.100 zugeschlagene Lose) eine diskontinuierliche Entwicklung durchgemacht. Und obwohl die Wertsteigerung der Werke von Jean-Michel Basquiat durchaus beachtlich ist, erweist sie sich als weniger spektakulär als die anderer zeitgenössischer Künstler, wie z. B. Christopher Wool oder Albert Oehlen. Die außergewöhnliche Preissteigerung für diese Künstler impliziert auf lange Sicht allerdings eine geringere Stabilität.

Um in zeitgenössische Kunst zu investieren, ist es erforderlich, nicht nur die Rendite zu analysieren, sondern auch die Preisvolatilität und die Liquidität der Werke.

Preisindizes (Auswahl zeitgenössischer Künstler)

Preisindizes (Auswahl zeitgenössischer Künstler)

Preisentwicklung Zeitgenössischer Kunst

Die Preisentwicklung Zeitgenössischer Kunst verläuft viel stoßartiger als die vorangehender Kunstepochen. Die Versteigerungen Zeitgenössischer Kunst profitieren von Zeit zu Zeit von der Begeisterung von Sammlern und leiden dann wieder unter ihrem zögerlichen Verhalten. Im Laufe der letzten Monate hat dieses Marktsegment allerdings gezeigt, dass es sehr wohl die treibende Kraft des Kunstmarktes darstellt (wie im Kapitel Erneutes Wachstum erläutert): Während sich die Preise aller anderen Schaffensperioden stabilisiert haben, hat die Zeitgenössische Kunst wieder einen völlig neuen Aufschwung bekommen.

Preisindex nach Schaffensperiode

Preisindex nach Schaffensperiode

Die bei Auktionen erworbenen und wieder veräußerten Werke (die es ermöglichen, ihre Preisentwicklung genau zu verfolgen) liefern äußerst wertvolle Informationen zur Rentabilität von Kunst. Die von zeitgenössischen Künstlern geschaffenen und bei Auktionen 2016/2017 verkauften Werke zeigen für eine Haltedauer von 8 Jahren eine jährliche Durchschnittsrendite von +7,6 %.

Werke, die für über 50.000 $ angekauft wurden, erreichen für eine Haltedauer von 7 Jahren eine jährliche Durchschnittsrendite von +8,7%. Dieses Ergebnis bestätigt die Existenz eines bestimmten „Meisterwerk-Effekts“, da die Rendite teurerer Werke die der übrigen Werke des Marktes übersteigt (die für über 50.000 $ zugeschlagenen Lose stellen 6 % des Gesamtvolumens der Transaktionen dar). Es sollte ebenfalls zur Kenntnis genommen werden, dass die Haltedauer der teuersten Werke etwas kürzer als die anderer Kunstwerke ist, was darauf schließen lässt, dass die kostbarsten Kunstwerke schneller wieder in Umlauf kommen.

Der „Meisterwerk-Effekt“ ist insbesondere bei den wichtigsten Künstlern zu beobachten. So zeigen die Werke auf Leinwand von Jean-Michel Basquiat zwischen Januar 2000 und Juli 2017 eine allgemeine Rendite von +1.000 %, während seine Arbeiten auf Papier (die im Allgemeinen geringere Preise erzielen) ein Wachstum von +560 % zu verzeichnen haben, und seine Grafiken nur +4 %. Es scheint also, dass die besten Kunstwerke die besten Renditen liefern.

Im Allgemeinen berücksichtigen die von den Auktionshäusern gelieferten Schätzungen die allgemeine Preissteigerung für zeitgenössische Kunst. Weniger als eines von fünf bei Auktionen aufgerufenen Losen übertrifft die Schätzungen. Ganz im Gegenteil: Die Schätzungen erweisen sich in der Regel als sehr optimistisch, da zwei von drei Losen die Preisspanne nicht erreichen oder diese vom Markt wieder « geschluckt » werden.

Verteilung Auktionen zeitgenössischer Kunst im Vergleich zu Schätzwerten

Verteilung Auktionen zeitgenössischer Kunst im Vergleich zu Schätzwerten

Preisvolatilität

Unter den außergewöhnlichsten Wertzuwächsen, die sich im Laufe der letzten 12 Monate gezeigt haben, wurden sehr unterschiedliche Szenarien beobachtet. Mehrere dieser Werke wurden auf einer Seite des Atlantiks oder Pazifiks erworben, um auf der anderen Seite wieder verkauft zu werden. Außergewöhnliche Wertsteigerungen wurden sowohl für Käufe über 200.000 $ als auch unter 1.000 $ verzeichnet, sowohl für Werke mit einer Haltedauer von 20 Jahren als auch für Werke, die noch im selben Jahr wieder verkauft wurden … Es gibt also keine unfehlbare Strategie, sondern eine große Vielfalt an Transaktionen, die dazu führen, dass die Entwicklung des Marktwertes eines Künstlers sich als möglichst rentabel erweisen kann.

Top 10 Wertsteigerung 2016/2017

Künstler Titel Auktion 1 Auktion 2
Preis Auktionshaus Preis Auktionshaus
Jean-Michel BASQUIAT (1960-1988) « Hannibal » (漢尼拔) (1982) 84.700 $ 5 May 1993 Christie’s New York 13.411.211 $ 7 Oct 2016 Sotheby’s London
Keith HARING (1958-1990) Untitled (1985) 5.051 $ 29 Sep 1993 Sotheby’s New York 316.680 $ 9 Mar 2017 Sotheby’s London
Franz WEST (1947-2012) Die Mauer (1972) 500 $ 30 Nov 1993 Dorotheum Vienna 9.435 $ 23 Mar 2017 Dorotheum Vienna
Robert GOBER (1954) Untitled (1985) 6.050 $ 6 May 1992 Christie’s New York 112.500 $ 18 May 2017 Christie’s New York
George CONDO (1957) Ballet blanc (1998) 14.340 $ 15 May 2003 Christie’s New York 200.000 $ 29 Sep 2016 Sotheby’s New York
Jim LAMBIE (1964) Psychedelicsoulstick No. 9 (1999) 750 $ 17 Apr 2016 Sotheby’s New York 8.750 $ 20 Sep 2016 Phillips New York
Yoshitomo NARA (1959) There Is No Place Like Home (1995) 130.117 $ 11 Feb 2005 Sotheby’s London 1.402.431 $ 2 Oct 2016 Sotheby’s Hong Kong
Glenn BROWN (1966) The Creeping Flesh (1991) 32.944 $ 7 Feb 2001 Sotheby’s London 342.598 $ 6 Oct 2016 Christie’s London
Albert OEHLEN (1954) Eine Prähistorische Hand II (A Prehistoric Hand II) (1996) 213.650 $ 8 Mar 2010 Sotheby’s Amsterdam 2.167.500 $ 17 May 2017 Christie’s New York
Mike KELLEY (1954-2012) Cave Painting (洞穴壁畫) (1984) 64.625 $ 16 May 2000 Christie’s New York 516.500 $ 17 Nov 2016 Sotheby’s New York
©artprice.com

Das Gemälde The Creeping Flesh (1991) des Briten Glenn Brown bietet die perfekte Illustration des Aufbaus der Preise für zeitgenössische Kunst. Der Künstler schuf das Werk noch während seiner Studienzeit am Goldsmiths College, anschließend kam es zunächst in die Sammlung von Charles Saatchi, der es 1995 bei der Ausstellung Young British Artists V zeigte. Im Februar 2001 wurde das Gemälde von der Cranford Collection in London für  33.000 $ erworben, die es 16 Jahre behielt und in der Ausstellung Installation 01 zeigte. Mit der steigenden Bekanntheit von Glenn Brown auf dem westlichen Markt stieg der Wert rapide an. 2004 kam der Künstler zu den angesehenen Galerien Gagosian, Serpentine und Patrick Painter. 2009 wanderte eine erste große Ausstellung von der Tate Liverpool über die Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin schließlich zum Ludwig Museum in Budapest. Im Oktober 2016, nach dem Ende einer Ausstellung von Glenn Brown in der Fondation Vincent Van Gogh in Arles bot die Cranford Collection einen Teil seiner Werke bei einer Auktion mit dem Titel Absobloodylutely! bei Christie’s  an: The Creeping Flesh (1991) wurde dort zum Zehnfachen seines Kaufpreises versteigert.

Der Markt kann aber auch gnadenlos sein und der Preis eines Werkes kann brutal in den Keller stürzen. 2014 wurden ein Dutzend Gemälde des jungen Malers Christian Rosa (1982) zum ersten Mal auf Auktionen angeboten und insgesamt für fast 1 Mio. $ verkauft. Trotz einer Ausstellung im White Cube in London war der Höhenflug seiner Ergebnisse bei öffentlichen Auktionen schon im kommenden Jahr vorbei. Sein Umsatz sank 2015 um -50 %. Im Oktober 2016 wurde das Gemälde Ruf Neck (2013) für nur 23.880 $ verkauft, obwohl es weniger als zwei Jahre zuvor das Siebenfache eingebracht hatte.

Top 5 Wertverlust 2016/2017

Künstler Titel Auktion 1 Auktion 2
Preis Auktionshaus Preis Auktionshaus
Christian ROSA (1982) Ruf Neck (2013) 168.987 $ 2014-07-03 Phillips London 23.880 $ 2016-10-06 Phillips London
Dash SNOW (1981-2009) Untitled (2007) 15.981 $ 2013-10-17 Phillips London 2.125 $ 2016-09-29 Sotheby’s New York
ZENG Chuanxing (1974) Song for the Departed (逝·歌) (2007) 339.938 $ 2008-04-09 Sotheby’s Hong Kong 40.481 $ 2017-06-30 Phillips London
Bose KRISHNAMACHARI (1962) Untitled (2005) 27.500 $ 2008-09-18 Sotheby’s New York 3.101 $ 2016-12-01 Saffronart Bombay
ZENG Hao (1963) 5:00 Am 3 April 1999 (1999年4月3日上午5时) (2001) 100.958 $ 2008-05-25 Christie’s Hong Kong 9.653 $ 2017-04-03 Sotheby’s Hong Kong
©artprice.com

Liquidität Zeitgenössischer Kunst

Es kann auch passieren, dass sich der Wiederverkauf von Werken einiger Künstler als schwierig erweist. Diese Situation wird im Allgemeinen durch eine Asymmetrie verursacht: Angebot und Nachfrage sind nicht im Gleichgewicht.

Diese Situation entsteht nicht nur für junge Künstler, die eine ebenso plötzliche wie vorübergehende Bekanntheit erlangen. Viele herausragende Künstler, wie zum Beispiel Yue Minjun, Rosemarie Trockel, Vik Muniz oder auch Joe Bradley haben eins gemeinsam: Einen Anteil an nicht zugeschlagenen Losen (ausgenommen Grafiken) von über 40 %. Bei diesen großen Namen sind es hauptsächlich die kleinen Werke, die eine schlechte Liquidität vorzuweisen haben. Urs Fischer, der Star der Galerien Gagosian und Sadie Coles beispielsweise, hat einen Anteil nicht zugeschlagener Lose von 60 % für Werke mit Schätzungen unter 100.000 $, während alle Kunstwerke, die auf über eine Million Dollar geschätzt wurden, innerhalb der letzten 12 Monate einen Käufer gefunden haben.

Zwischen Januar 2016 und Januar 2017 ist der Preisindex von Keith Haring um -30,9 % gesunken. Die Organisation des Kunstmarktes ermöglicht es allerdings nicht, Sammler entsprechend schnell über diese Situation zu informieren. Über 500 Werke von Keith Haring werden jährlich bei öffentlichen Auktionen aufgerufen und diese werden stark aussortiert. Der durchschnittliche Preis liegt bei 750.000 $ für Gemälde und 72.000 $ für Zeichnungen. Im Jahr 2016 wurden jedoch 48 % der Lose (ausgenommen Grafiken) von Keith Haring nicht zugeschlagen, also eins von zwei. Das Werk auf Papier Ohne Titel (1983), das am 28. Februar 2016 bei Cannes Enchères für 68.400 $ verkauft wurde, stand sieben Monate später, am 29. September 2016 bei Sotheby’s New York wieder zum Verkauf. Die Zeichnung, deren Schätzung zwischen 60.000 $ und 80.000 $ lag, fand keinen Käufer.

Schlussfolgerung

Der Kunstmarkt ist innerhalb der letzten 17 Jahre effizient geworden. Mithilfe der Preisindizes sowie der von Artprice angebotenen Entscheidungshilfen muss allerdings auf die Liquidität jedes einzelnen Künstlers, sein jährliches Verkaufsvolumen und natürlich die geografische Verteilung seines Marktes geachtet werden, um einen starken Wertzuwachs beim Wiederverkauf sicherstellen zu können.

Letztendlich stellt Zeitgenössische Kunst eine wettbewerbsfähige Investition und Alternative zu den Finanzmärkten dar, die sich eigentlich seit 2007 nicht wieder erholt haben. Der Beweis sind die negativen Zinsen der Zentralbanken und die Programme zur monetären Lockerung, welche die Deflation trotz allem nicht zu bändigen wissen. Wie für die Finanzmärkte impliziert auch der Wertzuwachs für Zeitgenössische Kunst, dass der Inhaber der Werke die Aktualität in Bezug auf die Künstler seiner Sammlung im Auge behalten muss. Genau wie auf den Aktienmärkten beruht der Aufbau des Marktwertes eines Künstlers in erster Linie auf Informationen. Das ist zweifelsohne der wichtigste Faktor für die Wertschöpfung – im wahrsten Sinne des Wortes.